Philosophische Fischbetrachtungen

Aus der PETRI NEWS 173-2013


H.R. Hebeisen 
 

Philosophische Fischbetrachtungen

«Wir Sportfischer sind in seinen Augen üble Schmerzbereiter.»

Der Artikel begann schon mit einer absoluten Nullaussage: „Fleischessen kann moralisch in Frage gestellt werden“. Es gibt doch rein gar nichts, was man auf dieser Welt nicht in Frage stellen kann. Ich stelle hingegen in Frage, ob der Interviewte fachlich im Stande ist, Fragen zu beantworten, wenn er gleich anschliessend sagt, dass sich Fische nicht soweit von Säugetieren unterscheiden, so, dass man auch den Fischkonsum in Frage stellen soll.

In meiner Lieblings-Tageszeitung, der NZZ, ist am 15. November 2012 ein Interview mit Markus Wild, einem Philosophen der Uni Freiburg veröffentlicht worden. „Wir brauchen ein neues Bild vom Fisch“. So lautete die Headline. Das Ganze auf einen Nenner gebracht: Grottenschlecht. Ich würde einige Seiten brauchen, um dieses Urteil im Detail zu begründen. Die habe ich nicht zur Verfügung, ergo muss ich mich auf das Allerwesentlichste beschränken.

Wie üblich in solchen Artikeln wird gemutmasst und die Worte vermutlich, möglich und weitere ähnliche Ausdrücke gipfeln dann meist noch, wie in diesem Interview, mit der Aussage „meines Erachtens“. Und dazu kommt, auch wie immer, keine einzige, wissenschaftlich belegte Aussage. Der Leser hat mittlerweile längst erkannt; in den Augen und Betrachtungen des Herrn Markus Wild, sind wir Sportfischer üble Schmerzbereiter. Dass er uns in den gleichen Sack steckt wie die berufliche Fischerei der Fangflotten auf den Weltmeeren, zeigt auf, dass er was dieses Thema betrifft völlig weltfremd ist. Auch gut daran erkennbar, wenn er sagt. „Es könnte auch Beschränkungen für Gewicht und Grösse der erlaubterweise zu angelnden Fische geben.“ Keine Ahnung also davon, dass es ein strenges Fischereigesetz gibt.

Aber es kommt noch happiger: Auf meinen Leserbrief antwortete man mir, dass sich in der Moralphilosophie nichts beweisen lasse und drückt damit aus, dass man aus Sicht der Philosophie einfach etwas behaupten kann, ohne einen Beweis liefern zu müssen. Dabei ist dem nämlich gar nicht so.

Die Philosóphia ist die „Liebe zur Weisheit“. In der antiken Philosophie stand das systematische und wissenschaftlich orientierte Denken im Zentrum der Philosophie. Die klassischen Kerngebiete der Philosophie sind die Logik, die Ethik und die Metaphysik. Weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis- und die Wissenschaftstheorie. Darum behaupte ich; Markus Wild ist ein schlechter Philosoph.

Dass das ganze Interview nur warme Luft ist, beweist folgende Aussage: „Ich würde bei Fischen von einem phänomenalen Bewusstsein sprechen. Es ist durch Empfinden, Spüren, Anfühlen gekennzeichnet, wie etwa Hunger fühlen, etwas riechen, müde sein“.

Ich ahne, ich fühle, ich spüre und empfinde; Markus Wild ist meines Erachtens möglicherweise, ja sogar vermutlich ein Fisch, der sich den Decknamen Wild zugelegt hat, damit man ihn nicht als Döbel erkennt.



Aus der NZZ vom 15. November 2012


Interview mit einem Philosophen
«Wir brauchen ein neues Bild vom Fisch»

Fleischessen kann moralisch infrage gestellt werden. Doch wie steht es mit dem Fischkonsum? Für Markus Wild von der Universität Freiburg sind Fische nicht so verschieden von Säugetieren. Dies hat Konsequenzen für unseren Umgang mit Fischen.

Interview: Andrea Roedig

Herr Wild, Sie haben gerade für die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich ein Gutachten zum Thema Bewusstsein und Schmerzempfinden bei Fischen erstellt. Parallel zu Ihnen hat auch ein Kollege aus der Biologie an dem Thema gearbeitet. Das versteht man. Aber wie kommt ein Philosoph auf den Fisch?

Es geht in dem Gutachten nicht um Fische als Ganzes, sondern um ihre kognitiven Fähigkeiten und ihr mögliches Schmerzempfinden. Ab wann können wir einem Wesen, das sehr weit von uns entfernt ist, so etwas wie eine Absicht zuschreiben? Unter welchen Bedingungen können wir den Begriff Schmerz verwenden, und wie können wir erkennen, dass ein Wesen Schmerz hat? Das sind genuin philosophische Fragen. Oft verwenden auch die Biologen in ihrer Diskussion Argumente, die strenggenommen gar nicht biologisch sind. Da heisst es zum Beispiel, Schmerz sei immer subjektiv, deshalb könne man nichts über Schmerz von anderen wissen. Bei der Verwendung dieser Begriffe braucht es eine philosophische Aufräumarbeit.

Herkömmlicherweise sah man Fische als reine Reflexmaschinen. Sie propagieren aber ein «neues Bild vom Fisch». Wie sieht das aus?

Nach der alten Auffassung ist der Fisch ein kleiner Automat. Wenn der zur Welt kommt, dann ist er schon mit allem ausgestattet, was er zum Überleben braucht. Das ist das alte Bild vom Fisch, zu dem auch die Vorstellung gehört, Fische hätten nur ein Drei-Sekunden-Gedächtnis und vergässen sofort alles wieder. Aber im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat man immer mehr erkannt, dass Fische enorm lernfähig sind, dass sie Gedächtnisleistungen über viele Stunden, Tage und Wochen haben, dass sie nicht nur individuell, sondern auch sozial lernen können. Intelligenz ist ja nicht nur auf die physische, sondern auch auf die soziale Umwelt bezogen. Und da sind Fische erstaunlich gut, sie jagen in Kooperationen und teilen darin ihre Rollen. Das setzt voraus, dass sie ein bisschen darüber Bescheid wissen, was sie tun.

Das betrifft aber nur die Kognition, also die «Denkfähigkeit» der Fische. Wie ist es mit den Schmerzen?

Erst seit etwa zehn Jahren kann man nachweisen, dass Fische überhaupt in der Lage sind, schädigende – oder wie man sagt: noxische – Reize aufzunehmen und diese Reize im Hirn zu verarbeiten. Sie haben also die physiologische Voraussetzung, um so etwas wie Schmerzen zu empfinden. Das war zuvor gar nicht klar, und zwar einfach deshalb, weil es niemanden wirklich interessierte. Es ist ein ethischer Aspekt, der jetzt auch die Forschung vorantreibt.

Es kursiert aber noch immer das berühmte Argument: «no brain, no pain» (kein Gehirn, keine Schmerzen). Demnach können Fische keine Schmerzen wahrnehmen, weil sie gar nicht über einen Kortex verfügen.

Dieses Argument hat sich wirklich in Windeseile verbreitet, und es besticht, weil es so einfach ist. Aber man kann es auch mit einem einfachen Beispiel entkräften: Das Sehen geschieht bei uns Menschen mithilfe des Neokortex, genauer mithilfe der Sehrinde. Man könnte also behaupten, dass wir sehen, weil wir eine Sehrinde haben. Vögel haben diese nicht, kein Adler, kein Falke hat diese Hirnregionen. Folgt daraus, dass sie blind sind? Offenbar nicht. Sie haben etwas anderes, das diese Leistung übernimmt, man nennt das bei ihnen «Wulst». Sobald man das einmal verstanden hat, sieht man auch den Fehler des «no brain, no pain»-Arguments.

Das heisst, Schmerzempfinden entsteht nicht nur, wenn eine bestimmte neokortikale Struktur vorhanden ist?

Genau. Es bedarf nicht bestimmter Hirnregionen, um zu sehen oder um Schmerzen zu empfinden, aber es braucht natürlich Hirnregionen, die die entsprechende Information verarbeiten. Auch der Mensch verarbeitet Schmerzen nicht nur im Neokortex, es sind sehr viele Hirnareale beteiligt, man nennt das die «pain matrix». Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, es gebe im Hirn eine einzige Stelle, an der diese Dinge passieren. Es ist ja der Witz bei einem System wie dem Gehirn, dass die Vernetzung bestimmend ist, nicht die Lokalisierung.

Doch selbst wenn Fische die physiologischen Voraussetzungen haben, wie kann man erkennen, dass sie wirklich Schmerzen spüren? Am Gesichtsausdruck oder an Lauten lässt sich das schlecht ablesen.

Ich greife da auf ein Analogieargument zurück. Es gibt Lebewesen, bei denen wir sicher sind, dass sie Schmerzen haben, also beispielsweise Säugetiere wie Menschen, Katzen, Ratten oder Eichhörnchen. Nun schaut man, welche Kriterien eigentlich erfüllt sein müssen, damit wir bei diesen Wesen von Schmerzen sprechen. Wenn diese Kriterien auch bei Fischen zutreffen, und das tun sie meines Erachtens, dann gibt es einen guten Grund, zu sagen, dass sie auch Schmerzen empfinden.

Welche Kriterien wären das denn?

Da ist zum Beispiel die Art, wie Fische reagieren. Bei Schmerz vermeiden wir es zum Beispiel, die verletzte Stelle zu berühren, oder wir kümmern uns um sie. Die Katze leckt eine Wunde. Fische, denen man Essigsäure in die Lippen spritzt, fangen an, die Lippen am Boden zu reiben. Das ist keine rein reflexhafte Reaktion. Das ganze Verhalten der Fische ändert sich, es sieht so aus, als seien sie ganz auf diesen Zustand fokussiert. Das ist ähnlich wie bei uns, wenn wir Schmerzen haben. Die Fische können anhand von Erfahrungen lernen, und sie können unterschiedlich, je nach Gefahrensituation, auf die Verletzung reagieren. Diese Distanz zwischen Reflex und flexibler Reaktion ist ein wichtiger Schritt hin zu einer bewussten Empfindung.

Wie sähe denn ein solches «Fischbewusstsein» aus? Es ist ja wohl kein wirkliches Selbstbewusstsein.

Ich würde bei Fischen von einem phänomenalen Bewusstsein sprechen. Es ist durch Empfinden, Spüren, Anfühlen gekennzeichnet, wie etwa Hunger fühlen, etwas riechen, müde sein. Es ist einleuchtend, dass man keine hohe Art von Selbstbewusstsein haben muss, um etwas zu spüren. Je mehr wir bereit sind, zuzugestehen, dass Fische lernfähig sind, desto mehr müssen wir ihnen auch ein bewusstes Erleben der Umwelt attestieren. Der Fisch ist ein kognitiv relativ anspruchsvolles Wesen, und es wäre verwunderlich, wenn seine Schmerzen sozusagen ganz unbewusst abliefen. Es wäre ja auch merkwürdig zu sagen: Das Wesen hat Schmerzen, spürt aber nichts. Da wäre der Begriff falsch verwendet.
Markus Wild, Uni FribourgMarkus Wild, Uni Fribourg(pd)

Können wir also mit den Fischen fühlen?

Das ist damit nicht gesagt. Der oben erwähnte Analogieschluss führt strenggenommen nur zu der Behauptung, dass es eine Schmerzempfindung des Fisches gibt, nicht aber zu Aussagen darüber, wie sie sich anfühlt. Die Tierschutzorganisation Peta hat einmal ein Plakat herausgegeben, auf dem ein Fisch an der Angel zu sehen ist und daneben die Foto eines Mannes mit einem Angelhaken in der Wange. «How would you like it?» (Wir würde Ihnen das gefallen?), steht darunter. Das Plakat erzielt zwar eine Wirkung, aber die direkte Übertragung unserer Schmerzempfindung auf andere Lebewesen verdeckt auch etwas. Denn es geht ja nicht darum, ob sich der Schmerz für den Fisch gleich anfühlt wie für uns. Der Fischschmerz ist vermutlich sehr anders, aber das heisst eben noch lange nicht, dass er nicht weh tut. Es ist sehr wichtig, dass man das nicht verwechselt.

Welche praktischen Konsequenzen hätte es, wenn wir Fischen wirklich Schmerzen zuschreiben?

Interessant ist, dass wir bei beiden Gutachten – dem biologischen und dem philosophischen – im Resultat konvergieren. Wir glauben, dass es angemessen ist, zu sagen, dass Fische Schmerzen empfinden. Ich hoffe, dass das Gutachten Auswirkungen auf die Tierschutz-Gesetzgebung für den kommerziellen Umgang mit Fischen haben wird, aber auch auf Privatfischerei und auf das Konsumentenverhalten. Kommerziell träfe es vor allem die Hochsee-Wildfängerei und das Aqua-Farming. Wenn Fische Schmerzen empfinden, ist es eine Quälerei, sie ersticken zu lassen, wie es beim Hochseefang passiert. Ganz abgesehen davon, dass sich hier auch noch massenweise Fische in Netzen verhängen oder bei lebendigem Leib geschreddert und zerrissen werden. Beim Aqua-Farming müsste man genauer bestimmen, welche Betäubungsmethoden vor der Schlachtung zulässig sind – beim Schleudern oder Einfrieren sind die Tiere sicher nicht komplett bewusstlos. Ausserdem wäre bei der Massentierhaltung zu überlegen, wie viele Fische man auf wie viel Raum halten sollte.

Und das private Glück des Anglers wäre auch davon betroffen?

Einige Techniken, wie das «catch and release» (fangen und wieder aussetzen), sind in der Schweiz schon verboten, in anderen Ländern aber nicht. Weil es wenige Fische gibt oder weil man nicht alle gefangenen Fische verwerten möchte, fängt man sie und schmeisst sie hinterher wieder ins Wasser. Wenn das dem Fisch weh tut, finde ich das unverantwortlich. Auch dass man Forellen hobbymässig aussetzt, damit man sie dann angeln kann – eine kleine Ausgabe des römischen Circus maximus sozusagen –, ist einfach ein unprofessioneller Umgang mit einem Wesen, das Schmerzen empfindet. Es könnte auch Beschränkungen für Gewicht und Grösse der erlaubterweise zu angelnden Fische geben.

Was davon betrifft die Konsumenten?

Ich beobachte, dass viele Menschen zwar vorsichtig mit Fleisch sind, es aber für unbedenklich halten, Fisch zu essen. Wenn sie erkennen, dass der Fisch gar nicht so verschieden von den Säugetieren ist, dass es etwas gibt, das ihn freut und das er scheut, dann wird sich vermutlich auch ihre Einstellung ändern. Es könnte dazu führen, dass man beispielsweise entscheidet, keine Fische aus dem Hochsee-Wildfang zu essen, oder überhaupt mehr auf Fischprodukte verzichtet.

Das philosophische Gutachten von Markus Wild und die biologische Untersuchung von Helmut Segner zu den Fischen wurden soeben in der Reihe «Beiträge zur Ethik und Biotechnologie» veröffentlicht. Beide sind bei der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) erhältlich: www.ekah.admin.ch.

 


Von: Hansrued Hebeisen
An: NZZ Redaktion
Gesendet: Donnerstag, 22. November 2012


Sehr geehrte Chefredaktion
Ihren Artikel habe ich als praktizierender, und, mit Verlaub, erfahrener Fischer gelesen und erlaube mir, dazu meine Stellungnahme zu übermitteln.

Zuerst eine sachliche Frage: Warum hat man ein solches Interview nicht mit einem Limnologen geführt? Wäre ein Fischereibiologe nicht kompetenter, solche Fragen zu beantworten als ein Philosoph? Was hat Hr. Wild für eine Ausbildung in dieser Richtung?

Der Artikel beginnt mit einer perfekten Feststellung: „Fleischessen kann moralisch infrage gestellt werden“. Richtig. Und zwar nicht allein schon darum, sondern allein darum, weil man doch ein und alles auf dieser Welt infrage stellen kann. Insofern beginnt also der Artikel schon mit einer absoluten Nullaussage.

Lassen Sie mich einige weitere Zeilen zitieren, die übrigens immer wieder in Artikeln, welche in diese Richtung gehen vorkommen,

„Es geht…um das mögliche Schmerzempfinden“  Heisst: Man weiss nicht ob.

„Das sind genuin philosophische Fragen.“ Was hat die Definition der Schmerzempfindlichkeit mit Philosophie zu tun?

„Sie haben also die physiologische Voraussetzung, um so etwas wie Schmerz zu empfinden.“  Etwa genauso wie ein Mensch, der einen Hammer besitzt, die physiologische Voraussetzung hat, so etwas wie Schreiner zu werden?

Es kommt noch besser:

„Wenn diese Kriterien auch bei den Fischen zutreffen, und das tun sie meines Erachtens….“ Heisst im Klartext der Philosoph Markus Wild weiss nicht ob diese Kriterien zutreffen! Und was den zweiten Teil des Satzes betrifft; subjektiver geht es wohl nicht mehr.

„…es sieht vielmehr so aus, als seien sie ganz auf diesen Zustand fokussiert.“ Seien statt sind, heisst einmal mehr; ich weiss es nicht.

„Ich würde bei Fischen von einem phänomenalen Bewusstsein sprechen.“  Wo ist der wissenschaftliche Beweis für diese absurde These?

„Der Fisch ist ein kognitiv relativ anspruchsvolles Wesen, und es wäre verwunderlich, wenn seine Schmerzen sozusagen ganz unbewusst abliefen.“ Für den ersten Teil des Satzes fehlt mir einmal mehr der wissenschaftliche Beweis und der zweite Teil drückt einmal mehr Unwissen aus.

„Der Fischschmerz ist vermutlich sehr anders,…“ Welches Wort drückt Unwissen deutlicher aus als das Wort vermutlich?

Im letzten Teil wird der Interviewte recht unsachlich.

„…fängt man sie und schmeisst sie hinterher wieder ins Wasser….“ Wir lehren seit Jahrzehnten an unserer Fliegenfischerschule das faire Zurücksetzen, heisst, den Fisch im Wasser belassen, um sorgfältig den (wohlverstanden widerhakenlosen) Haken zu entfernen und den Fisch keinesfalls mit trockenen Händen anfassen. Sind wir uns doch bewusst, dass der untermassige Jungfisch der Kapitale von morgen ist. Welcher Unterschied zu Herrn Wilds Definition.

Und nun wird Herr Wild ganz deutlich, nachdem vorher ausnahmslos Begriffe wie vermutlich, möglich usw. verwendet wurde: Herr Wild stellt fest:

„…unprofessioneller Umgang mit einem Wesen, das Schmerzen empfindet.“ Heisst das, dass im Laufe des Interviews eine wissenschaftliche Beweislage auf den Tisch kam? Wenn nicht, warum dann die ultimative Feststellung?

Den letzten Satz in diesem Abschnitt hätte sich Herr Wild ersparen können, denn es gibt keinen deutlicheren Beweis dafür, dass der Interviewte von dieser Materie keine, aber absolut keine Ahnung hat.

„Es könnte auch Beschränkungen für Gewicht und Grösse der erlaubterweise zu angelnden Fische geben.“ Hat denn der Mann wirklich noch nie von einem (kantonal geregelten) Schweizerischen Fischereigesetz gehört, welches dem Fischer genau vorschreibt, z.B. wie viele Forellen er pro Tag ab welcher Grösse fangen darf? Kantonal geregelt heisst; das Schweizerische Fischereigesetz setzt z.B. ein Mindestfangmass für eine Fischart aus und der Kanton kann aufgrund der Gewässersituation Änderungen vornehmen, jedoch immer nur zum Schutze des Fisches.

Sehen Sie, meine Damen und Herren, hier fängt die Problematik an. Während der Jäger die Möglichkeit hat, das Wild anzusprechen um zu bestimmen, was er aus hegerischen Gründen schiessen will, hat der Fischer diese Möglichkeit nicht. Wenn ich abends zum Fliegenfischen ans Wasser gehe um die erlaubten 2 Forellen mit nach Hause zu nehmen, kann es vorkommen, dass ebenso viele oder gar mehr Forellen meine Fliege nehmen, welche das Schonmass nicht erreichen. Was ich dann mache, habe ich zuvor beschrieben.

Zudem, das Wort Hege ist noch nicht gefallen. Hege heisst, einen gesunden Fischbestand in einem Gewässer zu erhalten. Heisst Schadfische (z.B. räuberische, kapitale Forellen) zu fangen, den Weissfischbestand zu dezimieren, damit der Forellenbestand erhalten bleibt usw. Das ist vornehmlich die Aufgabe eines Fischers. Wer sonst kann sie denn übernehmen? Und was, wenn niemand mehr fischt, niemand mehr hegt, was ist dann mit einem gesunden Fischbestand?

Nun, meine Damen und Herren, Sie sehen, ich habe zu diesem Thema eine völlig andere Ansicht. Sie können sie nicht nur an meinen Anführungen erkennen, sondern, im Ganzen betrachtet mein Schlusswort in meinem Kochbuch „Faszination Tafelfreuden Band II“ auf Seite 238. Ich habe den Inhalt in ein Wordfile gelegt und es liegt dieser Mail bei. Wäre schön, wenn Sie die andere Seite auch zu Wort kommen liessen. Der Abdruck ist logisch honorarfrei.

Entschuldigen Sie bitte, dass ich das alles nicht sauber schriftlich einreiche, aber ich bin zurzeit in Irland und lebe auf einer Insel, heisst, von Wasser umgeben. Darin schwimmen auch Forellen, die ich in der offenen Fischereisaison ab und zu fange und verspeise. Damit sie nicht nur allein dazu dienen, die Kormorane zu füttern.

Das wäre auch ein interessantes Thema für die NZZ. Aber vielleicht ohne einen Philosophen.

Mit freundlichen Grüssen
H.R. Hebeisen


 

Von: NZZ, Markus Hofmann
An: Hansruedi Hebeisen
Gesendet: 26. November 2012


Sehr geehrter Herr Hebeisen

Haben Sie vielen Dank für Ihre Zuschrift. Es freut mich, dass Sie das Interview so genau gelesen haben.

Am besten wäre es selbstverständlich, wenn Herr Wild gleich selber antworten könnte. Doch ich versuche, auf einige von Ihnen aufgeworfene Punkte einzugehen.

Zunächst: In der Zeitung erschien eine gekürzte Version des Interviews, online publizierten wir die vollständige: http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/wir-brauchen-ein-neues-bild-vom-fisch-1.17799698 Hier wird zum Beispiel eine Antwort auf Ihre Frage gegeben, was Schmerzempfindlichkeit mit Philosophie zu tun hat: "Unter welchen Bedingungen können wir den Begriff Schmerz verwenden, und wie können wir erkennen, dass ein Wesen Schmerz hat? Das sind genuin philosophische Fragen. Oft verwenden auch die Biologen in ihrer Diskussion Argumente, die strenggenommen gar nicht biologisch sind. Da heisst es zum Beispiel, Schmerz sei immer subjektiv, deshalb könne man nichts über Schmerz von anderen wissen. Bei der Verwendung dieser Begriffe braucht es eine philosophische Aufräumarbeit."

Zu weiteren Punkten Ihrer Kritik.

Selbstverständlich hätte man auch mit einem Limnologen sprechen können. Das Gutachten für die Ethikkommission bestand ja nicht nur aus dem ethischen Bericht, sondern auch aus einem biologischen. Dieser kommt im Übrigen auf ähnliche Resultate wie der ethische. Die Fragestellung ist jedoch eine andere (siehe obiges Zitat).

Sie kritisieren die vagen Äusserungen von Prof. Wild. In der Tat gibt es in der Moralphilosophie seit langem eine Debatte darüber, ob sich in der Ethik überhaupt etwas beweisen lasse. Die Mehrheit der Ethiker geht davon aus, dass sich ethische Aussagen nicht wie mathematische Sätze beweisen lassen. Deshalb formuliert ein seriöser Philosoph seine Überlegungen in der Regel vorsichtig. Dies tun übrigens auch andere Wissenschafter (selbst Naturwissenschafter), die in Szenarien denken: Hier sind die Resultate immer von den getroffenen Annahmen abhängig. Dies bedeutet aber nicht, dass keine Schlussfolgerungen auf das moralisch gerechtfertigte Tun gemacht werden können. Auch der Philosoph wägt verschiedenen Begründungen ab – und gelangt so zu einer, hoffentlich gut begründeten Gewichtung. Dieses Vage kann man verurteilen. Meines Erachtens ist es der intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Wir können wohl wirklich – ganz objektiv - nicht wissen, wie sich der Schmerz für einen Fisch anfühlt.

Die Grundaussage von Herrn Wild war, dass die moralischen Massstäbe, die viele gegenüber Säugetieren als angebracht erachten, möglicherweise auch für Fische angezeigt wären – da sie eben wie Säugetiere Schmerz empfinden können. Wenn Fischer dies bereits in ihrem Verhalten berücksichtigen – umso besser. Schaut man sich allerdings an, wie mit dem Beifang umgegangen wird, darf man wohl behaupten, dass auch in der Fischerei durchaus noch Handlungsbedarf besteht.

Ich danke Ihnen nochmals sehr für Ihren Beitrag und grüsse Sie freundlich

Neue Zürcher Zeitung
Dr. Markus Hofmann
 



Von: Hansruedi Hebeisen
An: Markus Hofmann
Gesendet: Dienstag, 4. Dezember 2012


Sehr geehrter Hr. Hofmann

Ich danke Ihnen für Ihre ausführliche Stellungnahme zu meinem Leserbrief.

Trotz alledem, sie macht mich genauso wenig glücklich wie das Interview von Prof. Wild. Im weitesten Sinne sagen Sie mir, ich kürze es auf den einfachsten Nenner ab: „Die Philosophie braucht keine wissenschaftlichen Beweise für ihre Thesen“. (Da stellt sich für mich, mit Verlaub, die Frage: Sind Sie auch ein Philosoph?)

Auf dieser Basis war ja auch das ganze Interview aufgebaut und darum ist es Prof. Wild gelungen weniges klar und viel mehr noch vage zu behaupten ohne eine einzige wissenschaftlich fundierte Aussage zu machen und keine einzige logische Folgerung zu ziehen.

Die Philosophie ist doch die „Liebe zur Weisheit“. In der antiken Philosophie stand das systematische und wissenschaftlich orientierte Denken im Zentrum. Die klassischen Kerngebiete der Philosophie sind die Logik, die Ethik und die Metaphysik. Weitere Grunddisziplinen sind die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie.

Erlauben Sie mir aufgrund dieser Fakten festzustellen, dass Prof. Wild offenbar kein guter Philosoph ist.

Wäre es nicht angebracht, eine Gegenmeinung in der NZZ abzudrucken?

Darf ich zum Schluss noch auf einen Punkt hinweisen. Jeder Sportfischer hier- und dortzulande muss heute eine Prüfung ablegen und Fairness gegenüber dem Fisch, der Kreatur, ist erstes Gebot. Mit der Fischerei, die auf den Weltmeeren passiert, haben wir so wenig zu tun wie Sie und Prof. Wild. Andererseits stellt sich für mich als praktisch denkender und handelnder Mensch die Frage; wie sollen denn diese das Problem anders lösen? Die meisten Fische sind ja schon tot, wenn sie von den Netzen ins Schiff gelangen. Es gäbe nur eine Antwort: Jeglicher Fischfang auf den Weltmeeren wird untersagt.

Nur, Herr Hofmann, reden Sie mal mit diesen Menschen, welche ohne diese Nahrung verhungern würden! Nicht vergessen, wir sitzen jahraus, jahrein an der gedeckten Festtafel. Aus dieser lässt sich leicht reden und schreiben.

Mit freundlichen Grüssen
H.R. Hebeisen


Hier nochmals meine Stellungnahme zum Thema:

Von der Vernunft und der Toleranz
Vernunft in Sachen Hege und Pflege eines Tier- oder Fischbestandes ist keinesfalls der Entschluss, das Gewehr und die Angelruten ins Eck zu stellen und nie mehr anzurühren. Die Leute, die nicht jagen und nicht fischen, kümmern sich in aller Regel weder um einen guten Wild- noch um einen angemessenen Fischbestand.

Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass Gott (oder, wenn Sie wollen, wer immer auch), der diese Welt inklusive uns Menschenkinder erschaffen hat, die Fische und alle Tiere auch (ich sage auch und nicht nur!) dazu vorgesehen hat, uns Menschen Essen und Kleidung zu geben. Das war doch schon immer so, warum sollte sich das geändert haben? Und schliesslich musste doch auch ein Tier sterben, damit der Mensch sich mit Lederschuhen fortbewegen kann. Selbst militante Tierschützer tragen solche. Dabei ist doch Leder nur unbehaarter Pelz! Und in wie vielen Ecken dieser Welt würden die Menschen elendiglich erfrieren, wenn sie sich nicht mit Tierpelzen davor schützen könnten?

Viele Menschen, ja sogar einige ganze Völker können nur darum überleben, weil sie sich von

Fischen aus unseren Meeren und Flüssen und auch vom Wildbestand in den Wäldern ernähren. Sie würden ohne diese Nahrungsquellen schlicht und einfach verhungern.

Auch die Geschichte mit den Indianern, die man der politischen Korrektheit heute Natives nennen muss, kennt ein jeder von uns. Sie zogen dahin und erbeuteten aus Fluss, Weide und Wald das an  Fischen und Wild, was sie für die tägliche Nahrung brauchten. Mehr nicht. Weniger auch nicht. So blieben Fisch- und Wildbestand erhalten. Der Bestand an Menschen auch.

Heute gibt es mehr Menschen auf dieser Welt, welche das Fischen und das Jagen verurteilen, als solche, welche zu viel Beute machen. Von denen, die es mit dem Beutemachen übertreiben, wären ja in erster Linie die Fischfang-Flotten zu nennen; doch gegen diese Lobby kommen die Tierschützer nicht an. Also wählt man sich den kleinen Fischer und Jäger zum Ziel.

Ich komme zum Schluss zur Toleranz. Es ist, auch noch in unserer heutigen, zumindest bei uns dicht besiedelten Welt möglich, dass der Fischreiher, die Fischer und der Fisch in Frieden nebeneinander leben können. Und es ist möglich, dass Reh und Has, auch Luchs und Jäger eine Einheit bilden. Sowohl der Luchs als auch der Jäger jagen in erster Linie die kranken und schwachen Tiere. Und tragen damit bei, dass die Arten auf ganz natürliche Art erhalten werden. Kurz, eine ideale Gemeinschaft ist, wenn jeder den anderen toleriert und achtet.

Ich und meinesgleichen tolerieren problemlos alle Nichtjäger und Nichtfischer. Sollen sie doch umgekehrt einfach unser Tun als Jäger und Fischer tolerieren. Nicht mehr und nicht weniger ist Toleranz, ist Vernunft.

In diesem Sinne wünsche ich allen ihren persönlichen Seelenfrieden – aber auch Freude am Leben. Freude am Jagen und Fischen, Freude auch an der einfachsten und an der festlichsten Tafel. Und natürlich am Lagerfeuer, denn dort schmeckt es oft am besten. Vielleicht deshalb, weil wir den Einklang von Jagd, Mensch und Natur besonders spüren. Mit Fisch und Vogel über dem Feuer oder mit Bratwürsten und Kartoffeln am Stecken. Ob mit Bier und Wein oder mit Tee und Kaffee – eben grad so, wie es einem jeden selber am besten gefällt.

Glauben Sie mir, in solchen Stunden sind wir nicht nur der Natur nahe, sondern auch der Toleranz, die das Menschsein ausmacht.



Von: Markus Hofmann
An: Hansruedi Hebeisen
Gesendet: 16. Dezember 2012


Sehr geehrter Herr Hebeisen

Ich habe Ihre Mails erhalten, besten Dank dafür. Wie gesagt, ich kann (und muss) Herrn Wild nicht verteidigen, dies kann er selber sicher am besten (markus.wild@unifr.ch). Auf das Interview bekamen wir zustimmende und kritische Zuschriften wie die Ihre. Je eine davon haben wir bereits als Leserbriefe publiziert. Weitere Stellungnahmen sind derzeit nicht geplant.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Interesse und grüsse Sie freundlich

Markus Hofmann



Von: Hans-Ruedi Hebeisen
An: Markus Wild
Gesendet: 16. Dezember 2012


Sehr geehrter Hr. Wild

Wie Sie aus beiliegenden Mails erkennen können, bin ich überhaupt nicht einverstanden mit dem was Sie im Interview mit der NZZ sagten, welches am 15. November gedruckt wurde. Es geht meines Erachtens unter keinen Umständen, etwas zu behaupten, was nicht auf einer wissenschaftlichen Basis basiert. Philosophie hin, Philosophie her.

Das was Sie anstreben ist, wenn man die Sache wirklich zu Ende denkt nicht nur realitätsfremd, sondern schlicht und einfach nicht durchführbar. Dass Sie die sportliche Angelei in den gleichen Sack werfen, wie der kommerzielle Fischfang der Flotten in den Weltmeeren zeigt auch auf, dass Sie sich nicht optimal informiert haben.

Bitte lesen Sie meine Andersmeinung unten, „Von der Vernunft und der Toleranz“. Kurz; wir brauchen kein neues Bild vom Fisch. Aber vielleicht ein neues Bild von den Sportanglern, welche schon aus eigenem Interesse sicher die grössten Heger der Fischwelt in unseren heimischen Gewässern sind.

Mit freundlichen Grüssen
H.R. Hebeisen


Das meinen andere Leser:

Lieber HRH,
Nach der Lektüre des Schriftwechsels zwischen Ihnen und der NZZ darf ich Ihnen gratulieren und danken. Danken für den grossen Aufwand den Sie, im Interesse der Sache, gemacht haben. Den Artikel in der NZZ habe ich seinerzeit auch gelesen. Habe mich geärgert und das Elaborat als Bockmist abgetan und vergessen. Immer wieder muss ich staunen, was studierte und vom Staat bezahlte "Wissenschaftler" für Mist produzieren. Leider ist es  oft noch so, dass solche Fabulierer von Regierung und Behörden ernst genommen werden. Was dann herauskommt sind absurde Gesetze und Regeln - wie schon oft geschehen!! Nochmals vielen Dank für Ihren Einsatz.
H. Stutz, Lausanne