The Cast 1916 - 2016
Aus der PETRI NEWS 197-2016

 H.R. Hebeisen

The Cast 1916 - 2016

«Es ist völlig egal, in welchem vertikalen oder horizontalen Weg ich das Gerät führe.»

Die rein physikalische Basis wie man eine Fliegenschnur mit klassischem Fliegengerät optimal führt, damit die Fliege dort landet, wo man es will, hätte sich in keiner, auch nur geringsten Weise verändert, wenn . . .

Warum hätte, warum wenn . . .? Aus dem ganz einfachen Grund, weil sich in diesen 100 Jahren nicht die Physik, sondern allein die Fliegengeräte massiv verändert haben!

Am wenigsten ist die Rolle daran schuld, welche damals allein mehr wog, die aber so oder so keinen Anteil an der optimalen Wurftechnik hatte und hat.

Wenig bis einigen Grund liefert die Fliegenschnur. Weniger, weil sie damals noch aus geflochtener Seide war, sondern vor allem wegen der oft noch üblichen Levelform, also von vorne bis hinten den gleichen Durchmesser aufwies.

Hauptursache ist die enorme Veränderung der Fliegenruten. Damals, noch aus irgendeinem Holz, Bambus, Esche oder Greenhart gebaut und in der Regel um die drei Meter Länge messend. „Schwer wie Blei“; doch das meine ich, ist weniger massgeblich als die Aktion; Stichwort: Kuhschwanz. L a n g s a m – entsprechend musste der Wurf-Rhythmus angepasst werden. Das Elastizitätsmodul* dieser Gerten war dermassen gering, dass man in diesem Bezug kaum von Eigendynamik reden konnte.

Moderne Fliegenruten sind massiv kürzer (sieht man vom durchschnittlichen amerikanischen Angebot und dem neuen Trend Switchruten einmal ab) und sie sind vornehmlich aus Kohlefaser. Die Aktionen können sogar schnell bis ultraschnell sein – halt wie ich sie und der versierte Werfer liebt. Ich hatte schon Blanks in den Händen, die keine 30 Gramm wogen und die # 5 warfen. Werden die älteren und die modernen Fliegenruten in gleicher Art und Weise geworfen, so biegen sich die modernen Fliegenruten weniger, weil die Rohlinge (Blanks) ein enorm hohes Elastizitätsmodul aufweisen. Der Arbeitswinkel der Rutenspitze kann darum massiv verkürzt werden. Aufgepasst, ich sagte Arbeitswinkel, was nicht identisch ist mit dem Arbeitsweg der Rutenhand. Es ist zudem völlig egal, in welchem vertikalen oder horizontalen Weg ich das Gerät führe. Die optimale Wurftechnik 2016 ist eine andere wie 1916 – die Gründe sind bekannt und genannt.

Was sich aber vor allem verändert hat, sind die Arten der Untersuchungen in Bezug auf eine optimale Wurftechnik. Aufsätze, wie „Die Beschleunigung der Fliegenschnur“ in meinem neuesten Compendium oder eine grosse Abhandlung meines Meisterschülers Tobias Hinzmann „Experimentelle Untersuchungen zur Biegung der Fliegenrute“ sind für den Einsteiger kaum bis nicht verständlich. Aber nicht wertlos, denn es sind wichtige Mosaiksteine für das Gesamtbild der heutigen Wurftechnik, nach welcher ein Instruktor einer modernen Fliegenfischerschule lehren sollte.

Mit Tobias zusammen habe ich ja den Schulfilm „Perfektes Fliegenwerfen“ vor wenigen Jahren gedreht. Es ist der massgebliche Film zum Thema. Vor allem während diesen ganzen Dreharbeiten kamen logisch immer wieder solche Fragen auf, welche wir mit unseren genannten Arbeiten beantworteten. Wer sich eingehender mit den Voraussetzungen für einen kraftminimierten Fliegenwurf beschäftigen möchte, der kommt nicht umhin sich den Schulfilm anzusehen. In diesem Film werden u.a. mit dem Thema „Eigendynamik (Talerschwingen)“ die Vorzüge der Rutenbiegung, welche Tobias in seinem Aufsatz physikalisch unterlegt hat, anschaulich und verständlich dargelegt. Massgeblich aber waren auch zum Teil sehr dümmliche Behauptungen in Foren, die man einfach nicht unbeantwortet lassen konnte. Ich will’s damit belassen. Will Ihnen lieber die wesentlichsten Punkte der neuesten Erkenntnisse erklären und diese auch in Grafiken darstellen.

*Auf allereinfachsten Nenner gebracht: Hohlglas hatte ein Elastizitätsmodul von 7, die ersten niedermodulierten Kohlefaserblanks hatte eines von 19 und die höchstmodulierten Blanks weisen einen Faktor von 45 auf. Eine Greenhart- Fliegenrute hatte wohl einen Faktor von vielleicht 3. Wenn Sie alles zum Thema Elastizitätsmodul wissen wollen, dann finden Sie eine ausführliche Abhandlung unter diesem Link:
"Experimentelle Untersuchungen zur Biegung der Fliegenrute"

H.R. Hebeisen