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Editorial
Aus der PETRI NEWS 235-2021

 H.R. Hebeisen
 

Zum Gedenken an Ari t'Hart - ATH


Ari t’Hart hat uns im Juli 2021 verlassen, ein grosser Fliegenrollenbauer ist nicht mehr. Ich persönlich hatte es mit Ari immer sehr lustig, mein damaliger Leitartikel in der PETRI NEWS, zeigt es auf.

Vor 50 Jahren war die Fliegenrollenwelt noch relativ arm dran. Einsame Spitze war Hardy, mit ihren Klassikern LRH Lightweight, Featherweigth und der Marquis Fliegenrollenserie. Dann gab es noch die BFR, die British Flyreel Company, welche unter diversesten Markenamen Fliegenrollen der unteren Kategorien herstellte.        

Dann tauchte ATH auf, das Kürzel für Ari t’Hart; ein Holländer welcher nun wirklich eine neue Fliegenrollen Generation baute, deren Merkmal nicht nur die Eleganz und hohe Solidität war, sondern vor allem diese wunderschön klingende (sirrende)und perfekt funktionierende Rollenbremse. Die Modelle Traun und Orbigo waren ein Renner und als später für die Lachsfischer die S1 und S2 kam, waren diese alle sehr beglückt, welche sich eine leisten konnten. Ich fische sie heute noch; es gibt keine Lachsrolle mit dermassen absolut rucklosen, fein sirrenden Bremsen wie diese Modelle funktionieren und sie ertönen lassen. Und wer heute noch glücklicher Besitzer als aktiver Lachsfischer ist, ist ein Dummer, wenn er sie gegen Mammon tauscht.

Ari war der Erste, welcher seine Fliegenrollen aus einem einzigen Aluminiumblock herausfräste, ein Gebiet auf welchem heutzutage ja die Marke Vosseler führend ist.

Ari erfand auch eine ganz neue Art Fliegenrolle, welche in Sachen Bremse und Einstellung heute noch einzigartig sind und da sicherte ich mir dank besten Beziehungen zu Ari das Exklusivrecht. Er baute zweimal eine Hunderterserie exklusiv für mich, es sind heute absolute Raritäten, welche zu hohen Preisen gehandelt werden.

In Sachen Geschäften und Umgang mit den Finanzen könnte ich Euch einen Roman schreiben. Will ich aber nicht.

Nicht nur ein grosser Fliegenrollenbauer, auch ein liebenswerter Fliegenfischer ist von uns gegangen.

H.R. Hebeisen


Nachfolgend der Artikel aus der Petri News 64 aus dem Jahr 1996:



Tête de veau & Speculaas


Eigentlich wollte ich heute Abend mit der Heidi nur einen feinen Kalbskopf essen und einen guten Landwein zwicken. Dann entwickelte sich die Geschichte aber in eine andere Richtung. Ein Gast kam früher als erwartet und aus dem trauten Diner wurde ein langer, bunter Abend. Aber lassen Sie mich der Reihe nach erzählen, wie sich der Kreis zwischen Tête de veau und Speculaas schloss - und was sich dazwischen ereignete.

Es war ein sonniger Novembertag des vergangenen Jahres, der letzte Donnerstag eines milden Herbstmonates, welcher es gut mit uns Fischern und Jägern meinte. Wir hatten Fliegenbinder-Ausstellung auf dem Programm und freuten uns alle über regen Besuch. Es begann zu Dunkeln. Heidi fuhr schon nach Hause ins kleine Bauerndorf, um die alte Zürcher-Spezialität zuzubereiten, denn das dauert etwas und ich musst ja bis zwanzig Uhr Besucher beraten.

Wer trat ein, mit wehendem Haar und fröhlicher Miene, der Ari, genau Ari’t Hart, Rollendesigner und seines Zeichens deutlich mehr Künstler als Kaufmann, welcher sich nun nochmals eine neue Existenz aufbaut. Er hatte sich auf Freitag angemeldet, um seine neue Kollektion zu präsentieren. Wir begrüssten uns herzlich und ich dachte als erstes „ob ein Holländer wohl Kalbskopf isst?“ Nun, er ass und es schmeckte ihm sogar ausgezeichnet, genauso wie mir Speculaas, doch das zum Schluss, ich will nicht vorgreifen. Was dazwischen lag, ist genau das, was ein Fischerleben auch lebenswert macht, nämlich mit Freunden und lieben Bekannten in aller Welt Kontakt zu pflegen, sie zu treffen und mit ihnen endlos zu debattieren. Wie und warum ist die Firma Pleite gegangen - und was jetzt? Wie war der Steelhead Run im Oktober? Hast Du den Muffel erlegt? Wann kommt der neue Irland- Film?

Das Fragen und Reden begann logisch schon nach der Begrüssung und setzte sich beim Kalbskopf fort. Der Flaachemer vom Erb Richi ausVolken schmeckte ausgezeichnet dazu. Man weiss nun schon dies und das, und jenes will der oder dieser noch genauer wissen. Bald kommen die Geschichten dran; sehr wahre, wahre und vielleicht auch etwas weniger aber trotzdem noch wahre! Glücklicherweise, das stellen wir fest, sind wir über das Alter des nächtlichen „Fischwachsens“ hinaus.

Heidi brachte nun einen feinen Christstollen auf den Tisch, denn heute mittag war der Fluri Erwin an der Ausstellung und brachte uns nicht nur liebste Grüsse von seiner Margrit, sondern sogar noch einen feinen Stollen, den sie für uns buck, mit. Das veranlasste mich, flugs in den Keller zu sprinten um einen „Bracchetto di Moirano 1992" von Scarpa aus dem Piemont heraufzuholen. Er baut ihn trocken aus und stellt die ideale Symbiose zu diesem Gebäck dar. Köstlich, dieser Rosenduft, köstlich der buttrige Geschmack des Stollens. Trotzdem wollte ich nun nicht länger warten und endlich die neuen Rollenmodelle von Ari sehen. Er packte sie aus, Stück für Stück aus einem feinen Tüchlein, Köstlichkeit um Köstlichkeit. Ich drehte an einem Stück. Das leise, zarte Sirren versetzte mich in ein kleineres Elysium. Hät mich einer dabei gefilmt, hät man glauben können, ich hät einen Vogel. Allein, weil dies eine rein redaktionelle Seite bleiben soll, will ich sogleich das Thema Fliegenrollen verlassen. Sie waren zwar der eigentliche Grund unseres Zusammentreffens, aber Fischerfreunde haben  auch sonst soviel miteinander zu bereden.

So kam denn als nächstes mein neues Album mit den Irland-Bildern auf den Tisch. Das Betrachten erstaunte den Ari deshalb, weil darin mehr Fotos von Blumen als von Fischen sind. Doch Fische wollte er sehen, also schauten wir uns geschwind noch das neueste Video „FliegenFischen III“ an. Zwar noch mit Timecode und ohne letzte Korrekturen präsentierte sich „Lachsfischen in Irland“, aber der Ari mochte schon staunen, dass man auch auf der grünene Insel meterlange Lachse fängt und drei Forellen nebeneinander, welche zusammen 45 Pfund wiegen, hatte auch er bisher noch nicht gesehen. Als wir jedenfalls zu Tische zurückkehrten, hatte die Heidi schon alles für den Mocca bereitgemacht, fehlte nur der Pflümli, den der Erismann Kurt aus Eschenmosen noch aus richtigen Zipäätli, also den kleinen, wilden Mirabellen brennt. Der schmeckt so gut, also ich sag es Ihnen - ein eigentlicher, innerer Vorbeimarsch. Ich machte also nochmals einen kühnen Griff im Keller und Ari kramte in seinem Koffer, welcher immer noch unausgepackt im Gang draussen stand. Er  brachte eine Schachtel auf den Tisch. Das, meinte er, wäre nun die perfekte Beilage zum Espresso mit dem Seitenwagen; Speculaas, ein echtes holländisches Butterguetzli. Und wie gut die waren und wie perfekt die passten. „Morgen zieh ich mir die grösseren Hosen an“, dachte ich.

Wir kramten und kramten in der Schachtel, die Kaffeemaschine (und so auch die Heidi) hatten Arbeit in Hülle und Fülle, der Pflaumensaft wurde weniger und weniger. Es waren, der Ari und ich einmal in Fahrt gekommen, nicht mehr zu bremsen. So war ich war denn froh, dass ich nicht, wie ehemals der Zürcher Staatsschreiber und Wortsetzer Keller, noch nach Hause laufen musste. Der kam mir deshalb in den Sinn, weil wir am Vorabend das grosse Vergnügen hatten, Gert Westphal zu erleben, welcher in brillantester Weise Gottfried Keller rezitierte und nicht etwa, weil dieser für seine enorme Trinkfreudigkeit bekannt war. Bevor wir nächtens zur völligen Unzeit den gemeinsamen Fischerabend beschlossen, erzählte ich Ari  noch folgende Anekdote (frei nach nach dem GK-Kenner Prof. Martin Hintermann):

Als Gottfried Keller einst nach langem Bechern in der Kronenhalle Richtung Enge nach Hause schwankte, er wohnte zu jener Zeit im Landoltenhaus auf dem Bürgli, traf er im Raum Enge auf den Nachtwächter. „Können Sie mir sagen, wo hier der Staatsschreiber Keller wohnt“, sprach er ihn an. Dieser zündete ihm mit der Laterne ins Gesicht und erwiederte erstaunt „Aber das sind sie doch selber Herr Staatsschreiber!“ „Das weiss ich wohl auch noch Sie Klugscheisser“, rief da der angetrunkene Göpfi, „nur wo er wohnt weiss ich nicht mehr“.

H.R. Hebeisen


Das Rezept Kalbskopf
Man kaufe pro Person etwa 500 Gramm Kalbskopf am Stück und koche (besser köchele) ihn in einem kräftigen Sud aus Rinderbouillon mit Wurzelwerk (Karotten, Sellerie, Lauch, aber auch Loorbeerblätter, wenig Nelken und einige Pfefferkörner sollten nicht fehlen, sogar ein guter Schluck Sherry steht ihm gut an) rund eineinhalb Stunden auf mittlerem bis kleinem Feuer. Ist er zart, (hat aber noch gute Konsistenz!) wird er längs aufgeschnitten in feinen Tranchen serviert. Dazu gibt es eine speckige Salzkartoffen (z.B. Nicola, Charlotte, Siglinde) und eine Vinaigrette, die Sie wie folgt zubereiten: Echalotten oder Zwiebel recht fein hacken, in eine Schüssel geben und drei EL heisse Bouillon, sowie etwas mehr Öl (ich nehme Olivenöl) dazugeben. Dann noch etwas milden Weinessig, Salz, Pfeffer und (recht viel) gehackte Petersilie (besser die italienische) dazu. Vielleicht noch etwas Julienne von der halbgar gekochter Karotte oder einem Sellerie dazu und fertig. Diese Vinaigrette (passt auch zu einem Kuttelfleck oder einem gekochten Rindfleisch), gibt man über die servierten Kalbskopftranchen. Ein köstliches Gericht. Dazu passt ein leichter, roter Landwein allemal. Ich bekomme gerade wieder Hunger, nur vom Schreiben!
 
 

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